Coronabedingte Motivationsausfälle

Was macht ein Sänger, der nicht singt? Oder was singt ein Sänger, der nichts macht, beziehungsweise, der gerade nichts konkretes zu tun hat? 

Um diese Frage gründlich zu ergründen habe ich mich entschlossen hier ein bisschen von meinem Alltag in der relativen Untätigkeit zu erzählen, auf dass sie nicht ganz so untätig sei. 

Das Problem ist nämlich: Ich brauche ein Ziel auf das ich hin arbeiten kann, sonst geht nichts vorwärts. Natürlich singe ich mich täglich ein, halte die Funktion am Laufen, übe ein paar der Stellen aus Stücken, die immer ein bisschen schwierig sind und freue mich, wenn sie klappen, aber ich komme für mich zu keinem Ergebnis. Sicherlich gibt es Kollegen, die können gewissermaßen „auf Halde“ arbeiten, die lernen neue Stücke und können daraus einen Mehrwert ziehen, aber für mich muss es etwas geben, auf das ich hinarbeite.

Ich lerne nämlich neue Noten vergleichsweise schnell. Das mag zunächst als durchaus vorteilhaft angesehen werden, wird aber zum Motivationskiller, wenn gerade nichts ansteht. Ich weiß ja, dass ich die Sachen schnell auf die Festplatte bekomme, warum sollte ich also ewig vorher damit anfangen? Gut: Es würde die Situation manchmal für mich und meine Mitmenschen deutlich entstressen, wenn ich Stücke nicht erst auf den Punkt könnte, sondern ein paar Wochen vorher, aber erklär das mal jemand meinem Unterbewusstsein.

So ist mein Tagesablauf also gerade in etwa folgender: Ich stehe auf, wenn ich das Gefühl habe ausgeschlafen zu sein. Das ist im Moment in aller Regel nicht vor zehn Uhr „morgens“. Dann versuche ich etwa ein Dreiviertelstunde vergeblich das Bett zu verlassen. Je nachdem, ob ein internetfähiges Gerät in erreichbarer Entfernung liegt beginne ich dann mit dem, was ich hier als Recherche euphemisieren möchte: Ich checke meine E-Mails, registriere, dass mir wieder niemand ein Angebot geschickt hat, überprüfe die einschlägigen Seiten nach Angeboten zu Vorsingen, was meistens bedeutend schneller ginge, wenn die Alternative dazu nicht „aufstehen“ hieße. Wenn ich es dann geschafft habe meine Körperlichkeit dem Bett zu entziehen beginne ich mit dem, was man im entfernten schon der beruflichen Betätigung zurechnen könnte: Ich versuche mich durch teilweise selbst ausgedachte Dehnübungen in einen Zustand zu versetzen, in dem ich mich zumindest eingeschränkt bewegungsfähig fühle. Danach wird es unübersichtlich: Ich versuche vor der Mittagsruhe irgendwie ein paar Töne gesungen zu haben, was sich aufgrund der Zeit zu der ich aufgestanden bin, manchmal als schwer umsetzbar erweist. Manchmal habe ich Schüler, dann hat ein Tag schon eine gewisse Struktur. Wenn nicht – nicht. Für solche Fälle habe ich einige Rituale, die zwar keinen nennenswerten Effekt haben, aber mein Gewissen sehr beruhigen: Ich blättere meine Noten durch und versuche mir vorzunehmen Programme zusammenzustellen, Arien zu lernen und Vorsingstücke zu polieren. Es bleibt meistens bei dem Vorsatz. 

Wenn dann der Nachmittag gekommen ist, findet sich in aller Regel irgend eine häusliche Beschäftigung, die ich natürlich auch in der Mittagspause hätte machen können, die mir aber aus mir völlig unerklärlichen Gründen erst jetzt einfallen. Zum Beispiel einkaufen. Das zieht sich dann gerne ein bisschen, weil sich das einkaufen bei mir ähnlich chaotisch gestaltet wie der Rest des Tages: Kurz vor der Kasse fällt mir auf, dass ich noch etwas vom Eingang des Geschäfts brauche, ich gehe zurück, sehe auf dem Weg etwas anderes, was ich zwar nicht dringend brauche, was aber doch schön wäre zu kaufen, strebe weiter gen Eingang des Ladens, entscheide auf dem Weg, dass ich das was ich nicht unbedingt brauche eigentlich gar nicht brauche und bringe es dorthin zurück, wo ich es gefunden habe. Stolz auf mich selber und meine Widerstandskraft gegen verlockendes gehe ich wieder zum Kassenareal um festzustellen, dass ich das, was ich eigentlich wollte, immer noch nicht geholt habe. So kann sich ein Einkauf etwas ziehen. 

Wenn ich dann wieder zuhause bin bin ich meistens so geschafft von der Tour, dass eine Pause dringend nötig scheint. So kann es passieren, dass ich nicht vor achtzehn Uhr zum Üben komme, immer mit dem Gedanken im Hinterkopf, dass ich ja noch Abendessen machen muss. Wie produktiv so etwas dann ist, kann sich jeder ausrechnen. 

Trotzdem: Dann übe ich meistens. Wie das abläuft habe ich ja oben schon angerissen: etwas planlos. Spätestens um einundzwanzig Uhr (man bedenke: dazwischen habe ich zu Abend gekocht, war mindestens dreimal auf der Toilette und habe dabei wieder den recherchierenden Aspekt meines Berufs in Angriff genommen und mich zwischendurch in Theorien über irgend einen Aspekt (im besten Falle meiner Arbeit – im schlechtesten Fall geht es um Trump) verloren, die ich wortgewaltig und, wie ich finde, nicht uneloquent einem fiktiven Auditorium vorgetragen habe) beende ich mit Blick auf die Nachbarn, die sich noch nie beschwert haben, meine Exerzizien und wende mich einer, wie auch immer gearteten, Abendgestaltung zu. 

Gegen zehn Uhr etwa beschließt mein Biorhythmus, dass auch ich jetzt langsam die Zeit erreicht habe, in der ich richtig fit und produktiv sein könnte. Entsprechend streckt sich der Abend.

Diese, ich möchte sagen, Skizze eines typischen Tages soll in den folgenden Beiträgen weiter ausgemalt werden. Zunächst ist es mir aber auch wichtig die Kehrseite meines Berufes darzustellen, indem ich einen einigermaßen typischen Tag unter Volllast beschreibe, also wenn tatsächlich viele Dinge anstehen. Mal schauen, wann ich dazu komme.

 

2 Comments

  1. Lieber Andreas! Toll geschrieben, ich habe-teilweise erschreckend und für andere, welche mich beobachtet hatten, verwirrend-beim wunderbaren Lesen herzlich gelacht, auch wenn die derzeitige Situation für euch Künstler wirklich nicht zum Lachen ist. Ich freue mich auf weitere „Tagesabläufe“ und Anekdoten! Liebe Grüße D. Wendt

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